Abstieg vom Pico del Teide, dem höchsten Berg Spaniens - ein Familienausflug

1 November 2014 von Klaus Bechtold

Auch ein GPSies benötigt mal ein paar Tage Erholung von den Millionen Strecken. Und erst recht die Familie. Im diesjährigen Herbsturlaub packten wir die Badehose und die Wanderschuhe ein und flogen nach Teneriffa.

Unsere “home base” war das Wanderhotel Luz del Mar im Nordwesten der Insel, das von den Berghängen des Teno-Gebirges umgeben und ein idealer Ausgangspunkt für Wanderungen ist. Das Besondere am Nordwesten ist die Abgeschiedenheit vom Massentourismus, der sich im Süden der Insel austobt – darauf hatte ich überhaupt keine Lust.

Meine beiden Kindern wollte ich das Wandern schmackhaft machen. Meine Tochter (12 J.) bekommt schon beim Hören des “W”-Wortes Pickel. Was tun? Ja genau, eine spektakuläre Wanderung muss her. Teneriffa ist ja eigentlich der Inbegriff dafür. Wo sonst in der Welt findet man auf engsten Raum so unterschiedliche Klimazonen und atemberaubende Landschaften? Ein Blick nach oben inspirierte mich, um den höchsten Berg Spaniens als Ziel auszuwählen: den Pico del Teide (3.718 m).

Frage an die Familie: Aufstieg oder Abstieg? Abstieg – na klaro! Klingt entspannter (ist es aber nicht). Mit einer Seilbahn fuhren wir auf 3.555 Meter über Null. Bis zum Gipfel kamen wir leider nicht, denn dazu benötigt man eine Sondergenehmigung, die man monatelang im Voraus beantragt haben muss. Nichtsdestoweniger sind 3.555 Meter ja auch schon ziemlich hoch.

Die Strecke war schnell erstellt. Ein Blick in die Streckendatenbank von GPSies und schwups hatte ich eine Strecke geplant: Teide Abstieg.


Strecke mit Abkürzung, nicht zum Nachwandern geeignet

Den Kindern wurde nun bewusst, dass ich die Seilbahn ohne Rückfahrt gebucht hatte. Das Gejammer war groß und die Argumentationskünste der beiden fast schon überzeugend. Nun ja, ich musste zugeben, dass es da oben mit 5 Grad Celsius im Vergleich zu den 30 Grad da unten schon etwas ungemütlich war, zumal da oben richtig Wind ist. Trotzdem sind die Landschaft und die Aussicht überwältigend. Um auch einen Blick auf den Nachbarkrater Pico Viejo zu werfen, starteten wir die Wanderung um den den Berg links herum, also entgegen des geplanten Abstiegs. Unterwegs dorthin entdeckten wir zur Bergseite eine schwefelfarbige Stelle, an der heiße Luft entwich.

Soweit so gut. Wir begannen mit dem Abstieg. Ein Mitarbeiter der Seilbahn rief mich zurück, als wir auf dem Sendero 7 nach unten starten wollten. Die Kinder schöpften Hoffnung. Der Mitarbeiter wollte nur sicher gehen, ob wir uns der Anstrengung bewusst sind. Der Weg besteht aus unbehauenen Steinen, die man am besten hüpfend erreicht. Die Richtung war klar: nach unten. Als es unterwegs noch zu schneien anfing, konnte man eigentlich von Stimmung nicht mehr sprechen. Außer bei mir und bei meiner Frau war jegliches Lächeln von den Gesichtern verschwunden.

Nun begannen die Probleme mit der Höhe. Ich dachte zuerst an Meuterei und Simulation, aber auch meine Frau kämpfte mit Übelkeit. Es wurde immer schlimmer und etwa 300 Höhenmeter tiefer erreichten wir die Schutzhütte Refugio de Altavista (3.260 Meter). Nach kurzem Aufwärmen in der Hütte folgten unzählige Serpentinen, ein lang gestrecktes Ginsterfeld und endlich – man sah es schon von weitem: eine Hangverflachung mit riesigen, runden Felsblöcken, die Estancia de los Ingleses. Ein herrliches Plätzchen zum Ausruhen mit Blick auf die Teide-Eier, die sich nur noch ein paar hundert Meter unter uns befanden.

Die Höhenkrankheit insbesondere bei meiner Tochter wurde immer stärker. Immerhin waren wir noch auf ca. 3.000 Meter. Ich begann, einen Plan B auszuarbeiten, um schnellstmöglich wieder zum Ausgangspunkt zu gelangen. Das doofe war, dass es eigentlich keinen gab. Eigentlich, denn ich entdeckte auf OpenStreetMap einen “Sendero El Ilegal”. Man muss kein Spanisch können, um diesen Namen zu deuten.

Das Wort Abkürzung bewirkte auch bei meinem Sohn (15 J.) eine merkliche Aufmunterung und Hoffnung, auf ein schnelles Ende. Einmal ausgesprochen, gab es kein zurück mehr. Meine “für und wieder”-Bedenken wurden überhört und wir mussten einfach diesen Weg gehen.

Am Anfang war auch dieser Weg atemberaubend. Er sah eigentlich gar nicht so anders aus als die normalen Wege und man konnte ihn eigentlich nicht von ihnen unterscheiden – dafür war er zu ausgetreten. Kein Schild wies darauf hin, dass es sich hier um “keinen” Weg handelt. Dennoch hatte ich ein ungutes Gefühl. Wir mussten ja noch eine Distanz von 1.500 Metern Luftlinie zurücklegen und hatten noch 500 Höhenmeter abwärts zu bewältigen. Meine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr und der Weg ging direkt nach unten. Eigentlich war es kein Weg mehr, denn jeder Schritt musste geklettert werden. Es gab kaum mal ein Wegstück, das normal begangen werden konnte und meine größte Sorge war, dass sich jemand verletzt. Um umzukehren waren wir schon zu weit fortgeschritten und eine Alternative war nicht in Sicht. Also Augen zu und durch…

Geschafft – wir hatten den Weg ohne Verletzungen überstanden. Die Wanderung war eine Erfahrung für alle Beteiligten. Ich habe mir überlegt, ob man die Abkürzung “Sendero El Ilegal” zur Talstation der Seilbahn nicht besser aus OpenStreetMap entfernen sollte, sodass keiner auf die Idee kommt, diesen Weg zu gehen. Er macht wirklich keinen Spaß und ist zudem sehr gefährlich.

Meinen Kindern hat die Wanderung dennoch Spaß gemacht, denn das hat mein Sohn später am Pool zugegeben. Es ist ein Unterschied, ob man in Youtube oder im Fernsehen Filme darüber sieht oder man selbst dabei ist. Ich denke, dass die beiden unser kleines Abenteuer niemals vergessen werden.


           Erholung am Hotelpool Luz del Mar

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